Absturz Richtung Oberliga -
FC St. Pauli wie ein Rekordabsteiger
Die sportliche Talfahrt des
FC St. Pauli droht noch nicht einmal in der Regionalliga zu enden. Der
Kiez-Club, 2002 noch Fußball-Bundesligist,
wäre der erste deutsche Verein, der dreimal in Serie absteigt. Hamburg - Das Flutlicht ist bereits erloschen,
und der Wind peitscht den Regen ins Gesicht der rund 50 St.-Pauli-Fans,
die über eine
halbe Stunde nach der 1:2-Niederlage gegen Regionalliga-Konkurrent
Holstein Kiel noch immer fassungslos auf der Gegentribüne stehen.
Mit einer Handvoll Spielern, die nach der fünften Niederlage in
Folge zunächst ins Gras gesunken und den Tränen nahe waren,
diskutieren sie, wie es zum Niedergang ihres Vereins kommen konnte.
2001 war eine hoffnungsvolle Mannschaft mit
Spielern wie Ivan Klasnic, Zlatan Bajramovic, Christian Rahn, Deniz
Baris und Thomas Meggle in
die Bundesliga aufgestiegen. Noch vor gut zwei Jahren, am 6. Februar
2002, besiegte der Stadtteilclub den FC Bayern München in einem
mitreißenden Bundesligaspiel mit 2:1. Heute erinnern nur noch
die "Weltpokalsiegerbesieger"-T-Shirts der Fans an den Glanzpunkt
der Vereinshistorie, die nach dieser Saison möglicherweise den
dritten Abstieg in Folge dokumentieren muss. Nach dem Bundesligaabstieg
2002 ging es im Jahr darauf direkt abwärts in die Regionalliga.
Nun taumelt der FC St. Pauli in Richtung Oberliga.
Der Vorsprung auf die Nicht-Abstiegsplätze ist nach drei katastrophalen
Rückrundenauftritten auf vier Punkte geschmolzen. Setzt sich die
sportliche Talfahrt fort, wäre der FC St. Pauli der erste Verein,
der auf Grund sportlicher Leistung von der Bundesliga direkt bis in
die vierte Liga durchgereicht wird. Dort kickt derzeit noch das Reserve-Team,
das bei einem Abstieg der Profis automatisch in die Verbandsliga zurückrutschen
würde. Es wäre ein trauriger Rekord für den Verein vom
Millerntor, den selbst in der Regionalliga durchschnittlich 17.500
Zuschauer pro Heimspiel anfeuern.
Als der Club vor der Saison mit rund zwei Millionen
Schulden - wieder einmal - vor der Insolvenz stand, starteten Anhänger und Sympathisanten
eine einmalige Retter-Aktion: Man organisierte Benefizspiele und -konzerte,
TV-Sex-Moderatorin Lilo Wanders und Bürgermeister Ole von Beust
verkauften Dauerkarten. Das Nachwuchszentrum verscherbelte der Kiez-Club
an die Stadt Hamburg. Die Fans kauften über 40.000 "Retter-T-Shirts",
rund hundert Kneipen auf dem Kiez veranstalteten "Saufen für
St. Pauli" (50 Cent pro Getränk an den Verein), eine 0190er-Nummer
wurde eingerichtet ("Die schmutzige Nummer für die saubere
Rettung") - und auch die Huren in der Herbertstraße sollen "Liebe
für St. Pauli" praktiziert haben.
"
St. Pauli hat und ist Kultur", ergab kürzlich eine ethnographische
Studie der Universität Hamburg über die Braun-Weißen.
Hauptgrund sei "der Wunsch nach Andersartigkeit" sowie das
Umfeld, an das schlüpfrige Sprüche an jeder Ecke des Stadions
erinnern: "Der Kiez steht auf Französisch", wirbt der
Autohersteller Peugeot mit dicken Lettern auf der Gegentribüne,
von einer "richtigen Nummer" spricht das Telekommunikationsunternehmen
Mobilcom.
Einwürfe direkt zum Gegner
Allein die "Astraine Stimmung", die Bierlieferant Astra beschwört,
kommt bei den 16.304 Zuschauern gegen Kiel nicht auf. Denn der unansehenliche
Kick ist selbst mit etlich Gerstensaft nicht zu ertragen: Pässe über
zwei Meter landen im Aus, Einwürfe fliegen direkt zum Gegner,
eine sichere Ballannahme scheint den meisten Akteuren unmöglich
und ein kontrollierter Spielaufbau ist nicht im Entferntesten zu erahnen. "So
ein schlechtes Spiel habe ich von Pauli noch nie gesehen", sagt
Andre Trulsen, 38, der früher für die Hamburger in der Bundesliga
spielte und auf seine alten Tage in Kiel anheuerte.
Gegen die spiel- und feldüberlegenen Gäste, die ebenfalls
abstiegsgefährdet sind, verliert St. Pauli verdient mit 1:2. Zu
ganzen zwei Torchancen kommen die Platzherren in 90 Minuten - eine
davon nutzt Henry Nwosu (22.) zum Ausgleich, nachdem sein Gegenspieler
auf dem nassen Rasen des Millerntors ausgerutscht war.
Franz Gerber, Trainer, Sportdirektor und einziger
namhafter Angestellter des Krisen-Clubs, versucht erst gar nicht,
das Spiel schönzureden,
als er sich nach dem Spiel mit seinem schwarzen St. Pauli-Pullover
zum Rednerpult geschleppt hat: "Bei uns fehlt derzeit jede Ordnung,
Stabilität, Ruhe und Ausgeglichenheit. Immer macht irgendjemand
einen Fehler, der uns das Genick bricht." Der 50-jährige
mit den grauen Haaren und den hängenden Backen schnauft einmal
tief durch. "Niemand in unserer Mannschaft beweist Moral, bäumt
sich auf und reißt andere Spieler mit. Viele haben Angst, verstecken
sich und wollen am liebsten keinen Ball mehr haben. Andere laufen total
ihrer Form hinterher und sind nur mit sich selbst beschäftigt.
So kommt dann ein solches Spiel zusammen - vielleicht sogar logischerweise
eine solche Niederlage. So, wie wir gegen Kiel gespielt haben, kickt
ein Absteiger."
Vernichtendes Urteil über Spieler
Man sieht dem Trainer an, wie sehr er leidet. Das vernichtende Urteil über
seine Mannschaft ist keineswegs übertrieben. Die zwei besten Spieler
der Hinrunde, der US-Amerikaner Cory Gibbs (nach Dallas) und der Brasilianer
Nascimento (nach Frankfurt), hatten in der Winterpause verkauft werden
müssen, um ein drohendes Saisondefizit von 900.000 Euro zu verhindern.
Nun sind zwar die "finanziellen Altlasten abgearbeitet",
wie Club-Boss Corny Littmanns jüngst verkündete, aber Gerber
hat abgesehen von Torwart Achim Hollerieth und Kapitän Morad Bounaoua
nur Spieler zur Auswahl, die selbst für die Regionalliga zu schwach
sind.
Die Vielgescholtenen sprechen derweil draußen im Stadion noch
immer mit den Anhängern. Wüste Beschimpfungen wie in anderen
Stadien schlagen den Kickern dabei nicht entgegen. Als Stürmer
Nwosu in die Kabinen humpelt, wird er von den Fans sogar mit Applaus
verabschiedet. "Irgendwie schaffen wir das", ruft ihm einer
hinterher. Wenn nicht, werden sie ihre Mannschaft auch in der Oberliga.
Die Vereinshymne des FC St. Pauli heißt "You'll never walk
alone". |
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Bobrowski - ein Leistungsträger mit nur 300 Euro
Monatsgehalt
St. Paulis Mittelfeldspieler arbeitet noch in Bremen
In Zeiten von Millionen-Gehälter für Profis,
die das Gespür
für das Wesentliche verloren haben und sich wichtiger nehmen,
als es der Anstand oder ihre Position im Leben gebietet, stechen Fußballer
wie Wojciech Bobrowski heraus. Der 23 Jahre Mittelfeldspieler des FC
St. Pauli verkörpert nicht nur nach außen durch seine freundliche,
offenherzige Art einen ganz anderen Schlag Mensch - der gebürtige
Pole ist auf dem Boden der Tatsachen geblieben. Vor der Saison vom
Oberligisten Rotenburger SV ans Hamburger Millerntor gewechselt, galt "Wojo",
wie ihn seine Mitspieler rufen, als Ergänzungsspieler. Einer,
der den zunächst dünn besetzen Kader auffüllen und überwiegend
in der zweiten Mannschaft spielen sollte. Seit dieser Einschätzung
sind vier Monate vergangen, und Bobrowski ist aus dem Team von Franz
Gerber nicht mehr wegzudenken.
In drei der zurückliegenden vier
Partien stand der Mittelfeldmann in der Anfangsformation, davor wurde
er sieben Mal eingewechselt. Sein Trainer und Förderer Franz Gerber
hält große Stücke auf ihn. "Wojo hat eine sehr
gute Entwicklung gemacht. Er ist ehrgeizig, hat einen unbändigen
Willen und gute Anlagen. Ich traue ihm den Sprung zum Stammspieler
zu." Kein Wunder: Bobrowski bestach bei seinen Einsätzen
durch hohe Laufbereitschaft und leidenschaftlichen Kampf. Dafür
bekommt er vom FC St. Pauli ganze 300 Euro im Monat. An anderen Stellen
wird bekanntlich weitaus weniger vorsichtig mit den finanziellen Mitteln
umgegangen. "Der Verein müsste dafür sorgen, dass sich
der Junge voll auf den Fußball konzentrieren kann", fordert
Gerber. Denn um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, arbeitet
er auf Teilzeitbasis als Kaufmann in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft.
Wenn seine Mannschaftskameraden in die Winterpause gehen, muss er seine
Minusstunden abarbeiten. Zudem soll sein Arbeitsplatz vom kommenden
Jahr an durch eine Vollzeitstelle ersetzt werden. "Meine Chefin
hat mir die Stelle angeboten und wartet auf meine Entscheidung",
sagt der Nachwuchs-Spieler. Gut möglich also, dass Bobrowski in
der Winterpause Hamburg verlassen muss, wenn St. Pauli nicht handelt.
Schon jetzt kann er sich eine eigene Wohnung
nicht leisten, deshalb lebt er bei seinen Eltern Gerard und Malgorzata
in Bremen. Tag für
Tag fährt Bobrowski mit dem Auto nach Hause. Jede Woche legt er
mindestens 1000 Kilometer zurück, für den 1,90 Meter großen
Blondschopf kein Problem. Er kommt aus bescheidenden Verhältnissen.
Bobrowski war drei Jahre alt, als er gemeinsam mit seinen Eltern und
seinem Bruder Marcin von Danzig nach Deutschland übersiedelte.
Mittlerweile hat sein Vater seine Anstellung als Handwerker verloren.
Vom Arbeitsamt wurde er mit der Begründung, er sei mit 60 Jahren
zu alt, abserviert. "Ich weiß, woher ich komme. Ich bin
Kaschube. Nur, weil ich bei St. Pauli spiele, hebe ich nicht ab. Dafür
wird schon gesorgt. Meine Eltern, mein Bruder und meine Freundin Tanja
unterschützen mich sehr."
Gestern war mal wieder so ein typischer Arbeitstag
von Wojciech Bobrowski. Um sechs Uhr klingelte der Wecker, eine Stunde
später war Arbeitsbeginn.
Nach fünf Stunden ging es nach Hause, um 13 Uhr stand sein Mannschaftskamerad
Audencio Musci vor der Tür und holte ihn zum Training ab. Erst
um 20 Uhr kehrten sie heim.
Trotz dieser Anstrengungen bezeichnet Gerber
seinen Schützling,
den er schon zu Hannover 96 holen wollte, "als durchweg positiven
Typen". Von Stress kaum eine Spur. Bobrowski ist immer freundlich,
nimmt sich viel Zeit für die Fans und überschätzt sich
nicht. "Ich muss noch so verdammt hart an mir arbeiten. Eigentlich
in jedem Bereich, weil ich kein Mega-Talent bin. Ich beherrsche nichts
wirklich gut. Aber das ärgert mich gar nicht so sehr. Dann habe
ich wenigstens noch ausreichend Steigerungspotenzial." Bobrowski
wünscht sich nichts sehnlicher, als weiter am Millerntor spielen
zu können. "Das Gefühl in dieses Stadion einzulaufen
kann ich nicht in Worte fassen. Jeder Ausdruck klingt so abgedroschen.
Wenn man kurz vor einem Match an den Ordnern vorbeikommt, sieht man
sogar in ihren Augen dieses Feuer. Das gibt einen wahnsinnigen Auftrieb",
sagt Wojciech Bobrowski. Da stört es ihn auch nur bedingt, dass
er für St. Pauli sein größtes Hobby aufgeben musste
- das Fußballspielen auf der Straße. "Es macht so
einen riesigen Spaß, mit den besten Freunden zu kicken."
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Andreas
Mayer - Sein langer Weg zurück
Comeback nach über sieben Jahren / Er spielte
in der Champions League / Nun ist er Paulis neuer Frontmann
Er ist bislang der prominenteste Neuzugang St. Paulis
- und doch ein alter Bekannter: Andreas Mayer spielte bereits von 1993
bis Anfang 1996 in braun-weiß, zog dann hinaus in die Fußball-Welt.
In der MOPO spricht der 30-jährige Mittelfeldspieler über
seinen langen Weg zurück.
Sein Abgang damals am Millerntor war nicht freiwillig:
"Ich hatte Probleme mit Trainer Uli Maslo. Ich bin morgens einige
Male zu spät gekommen, weil ich am Abend zuvor ein bisschen länger
unterwegs gewesen war - ohne was Unerlaubtes getan zu haben. Ich hab
zwar im Training ordentlich Gas gegeben, doch Maslo sagte zu mir: "Bei
mir machst du kein Spiel mehr.' Deshalb bin ich nach Norwegen zu Stabaek
gewechselt."
Dort spielte sich eine paradoxe Szene ab: Maslo spionierte
in Norwegen, sah zufällig Stabaek. Dass auch Mayer dort spielte,
hatte er wohl verdrängt. Oben auf der Tribüne äußerte
er sich fast euphorisch über Mayer, ohne ihn erkannt zu haben!
Als er ihn später vor der Kabine traf, war er total baff ¼
Mayer blieb dennoch in Stabaek, spielte dann für
Rosenborg Trondheim in der Champions League: "Ich habe sogar mit
Real Madrids Raul das Trikot getauscht." Nach einem Schlüsselbeinbruch
und dem damit verbundenen Stammplatzverlust war Andy reif für die
Insel, "kickte and rushte" für den schottischen Erstligisten
FC Aberdeen auch im Europapokal.
Eine von britischen Medizinern nicht erkannte
Leistenverletzung führte ihn 2001 über Umwege zu Hessen Kassel
in die 5. Liga. Gleich im ersten Jahr führte Mayer den Traditionsklub
2002 in die Oberliga, scheiterte mit Kassel jetzt als Zweiter nur knapp
an der Regionalliga. Nun soll er die neue St. Pauli-Truppe in der 3.
Liga anführen. Mayer: "Ich bin bereit. Aber ich brauche Unterstützung
von weiteren Routiniers. Ich gehe ganz fest davon aus, dass noch weitere
gute Spieler zu uns kommen. Ansonsten muss man sich Sorgen machen."
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