Presse

Darum musste Demuth gehen

»Das Verhältnis zur Mannschaft war nicht mehr fruchtbar« / Didis starker Abgang: Die Fans klatschten ihm Beifall und weinten / Peter Top-Kandidat

Mehr als 100 Pressevertreter auf dem Trainingsgelände an der Kollaustraße – einen derartigen Medienrummel hatte es beim FC St. Pauli lange nicht mehr gegeben. Der Grund für die von Präsident Reenald Koch kurzfristig anberaumte Pressekonferenz war klar: Die Entlassung von Trainer Dietmar Demuth nach nur zwei Spieltagen – dem 0:4 in Frankfurt und dem 1:4 zu Hause gegen Ahlen – war eine der schnellsten in der Geschichte des deutschen Profi-Fußballs. Und ganz sicher neuer Vereinsrekord.
Koch gab zu, dass er sich in seiner Haut nicht ganz wohl fühlte: „Ich hatte immer ein besonderes Verhältnis zu Didi. Solch eine Entscheidung fällt wirklich nicht leicht.“ Gleichwohl glaubt der Macher, dass es die richtige war: „Er hat über zweieinhalb Jahre gesehen ausgezeichnete Arbeit abgeliefert. Doch in jüngster Vergangenheit war das Verhältnis zwischen ihm und der Mannschaft nicht mehr fruchtbar. Wir mussten reagieren, denn die Truppe war in einem Besorgnis erregenden Zustand. Zudem wollten wir für das Derby am Freitag in Lübeck für neue Motivation sorgen.“

Dass die Geschichte abgekartet war, streitet Koch empört ab: „Ich gebe zu, dass man nach den Kommentaren einzelner Aufsichtsrats-Mitglieder diesen Eindruck haben konnte. So habe ich dem Kontroll-Chef Peter Benckendorff klar gemacht, dass es nicht seine Aufgabe ist, den Trainer in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Das verurteile ich auf das Schärfste – auch weil es in jeder Hinsicht kontraproduktiv für unsere Arbeit ist. Ich persönlich habe Dietmar lange den Rücken gestärkt. Der Ast, auf dem er in der Bundesliga gesessen hat, war schon sehr dick.“

Warum er ihn nicht gleich nach Ende der vergangenen Saison, als das Verhältnis zwischen Trainer und Kader bereits zerrüttet schien, feuerte, erklärt der frühere Millerntor-Profi so: „Ich war der Meinung, dass er nach dem schwierigen Erstliga-Jahr die Kurve kriegen, mit neuem Elan in die 2. Liga starten würde. Leider habe ich mich getäuscht. Im Nachhinein würde ich auch sagen, dass eine Trennung nach dem Abstieg besser gewesen wäre. Aber hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer.“

Gestern schauten sich Koch und Demuth nochmal in die Augen. Didi hatte einen ganz starken Abgang, verabschiedete sich stilvoll von Mannschaft, Offiziellen und Funktionsteam. Um 15.51 Uhr fuhr er mit seinem schwarzen Passat auf das Trainingsgelände. Als er ausstieg, klatschten ihm die rund 100 Fans tosenden Beifall – Standing Ovations für Didi. Rührend: Viele schüttelten ihm die Hand, wünschten ihm alles Gute, einige weibliche Anhänger fingen sogar an zu weinen. Als er aus der Kabine heraus kam, stellte er sich ein letztes Mal der Öffentlichkeit, sagte ohne Bitternis: „Ich bin stolz auf das, was wir alle in den letzten zweieinhalb Jahren zusammen auf die Beine gestellt haben. Allein das tolle Trainingsgelände – das kann sich sehen lassen. Ich gehe hier erhobenen Hauptes. Das Ende kam auch gar nicht so ganz überraschend für mich. Ich bin von daher nicht mit Tempo 100 gegen die Wand gefahren, sondern konnte vorher abbremsen.“ Um 16.10 Uhr stieg er in seinen VW, damit war das Kapitel Dietmar Demuth beim FC St. Pauli beendet.

Bleibt die Frage nach seinem Nachfolger. Der bisherige Assistenz-Coach Joachim Philipkowski sitzt wohl nur gegen den VfB Lübeck als Chef auf der Bank. Koch: „Die Mannschaft verbindet ihn vermutlich zu sehr mit Demuth, deshalb brauchen wir ein neues Gesicht. Philipkowski wird aber auch unter dem neuen Trainer Assistent und Oberliga-Coach bleiben. Er leistet hier hervorragende Arbeit, ich traue ihm den Job als Cheftrainer im Profi-Fußball zu.“

Top-Kandidaten sind zwei in der Branche nicht ganz so bekannte Fußball-Lehrer. Herbert Neumann, 1978 als Spieler mit dem 1. FC Köln Deutscher Meister und zuletzt in Arnheim tätig, soll allerdings nicht ganz so gute Chancen haben wie Ingo Peter. Der trainiert derzeit die Sportfreunde Siegen in der Regionalliga. Boss Koch: „Der Neue soll spätestens beim Heimspiel gegen Braunschweig am 11. September da sein.“

Von Buttje Rosenfeld


Mopo, 21.08.02


Nach 1:4-Pleite: Demuth ist gefeuert

Präsidium zog die Konsequenzen – Neumann oder Peter der Nachfolger?

Es war der 20. Mai 2001, als St. Pauli durch das 2:1 in Nürnberg den Aufstieg in die Bundesliga schaffte. Damals war Trainer Dietmar Demuth der gefeierte Held. Exakt 15 Monate später nun sein Ende am Millerntor: Das Präsidium zog die Konsequenzen aus dem katastrophalen Fehlstart mit dem 0:4 in Frankfurt und dem 1:4 zu Hause gegen Ahlen. Didi ist freigestellt, erhält bis Saisonende seine vollen Bezüge. Am Freitag beim Nordderby in Lübeck wird vermutlich zunächst Assistenz-Coach Joachim Philipkowski auf der Bank sitzen.
Nach dem Desaster gegen Ahlen hatte es zunächst danach ausgesehen, als ob Demuth zumindest noch eine Chance erhalten würde. Doch gestern Nachmittag überschlugen sich die Ereignisse. Auf der Tagesordnung der Präsidiumssitzung gab es nur ein einziges Thema: die sportliche Talfahrt, für die Demuth nach Meinung der Entscheidungsträger verantwortlich zeichnet.

Schnell kam man überein, den Trainer zu wechseln. Präsident Reenald Koch, der früher mit Didi zusammen beim FC St. Pauli spielte, auch heute noch ab und zu mit ihm in der Altliga kickt: „Dieser Schritt ist mir aus persönlichen Gründen nicht leicht gefallen. Aber ich möchte die Entscheidung nicht auf die beiden verlorenen Spiele reduziert wissen. Es geht um die Ereignisse in der Vergangenheit und in der Gegenwart.“ Soll wohl heißen: Demuth hat mit seinem Team in der letzten 34 Spielen nur vier Siege eingefahren.

Außerdem wird schon lange gemunkelt, dass das Verhältnis zwischen dem Fußball-Lehrer und den Spielern zerrüttet ist. Was verwundert: Das Präsidium votierte einstimmig gegen Demuth - also auch Manager Stephan Beutel, bislang sein engster Vertrauter beim Kiez-Klub.

Morgens hatte sich Didi noch tapfer den Medienvertretern gestellt, erklärt: „Ich werde kämpfen, weiterhin alles versuchen, um da unten schnell raus zu kommen.“ Dass er von Aufsichtsrats-Chef Peter Benckendorff knallhart attackiert wurde („Die Einzelspieler sind nicht fit, spieltaktisch harmonisiert nichts, von einem System ist nichts zu erkennen“) wunderte Demuth offenbar nicht: „Das war nur eine Frage der Zeit, wenn der Erfolg nicht mehr da ist. Das war vorprogrammiert.“

Wer wird nun sein Nachfolger? Da Sportdirektor Franz Gerber den Trainer-Job kategorisch ablehnt, Assi Philipkowski als Demuth-Intimus eher nicht in Frage kommt, wird es eine externe Lösung geben. Dem Vernehmen nach sind die früheren Bundesliga-Profis Herbert Neumann (zuletzt in Arnheim) und Ingo Peter (zuletzt Sportfreunde Siegen) heiße Kandidaten.

Von Buttje Rosenfeld


Mopo, 20.08.02



Die Zerreißprobe

FC ST. PAULI. Der Kiez-Club verfällt in alte Fehler. Die Führung ist gespalten, böse Vorwürfe und Misstrauen auf allen Ebenen.

Hamburg - Freitagnachmittag, die Sonne scheint bei angenehmen 25 Grad, das Zwitschern der Vögel auf dem Trainingsgelände des FC St. Pauli an der Kollaustraße ist lauter als die Gespräche der Profis. Inmitten dieser Idylle plaudert Trainer Dietmar Demuth mit Manager Stephan Beutel und Sportdirektor Franz Gerber. Es scheint, als herrsche eine neue Einigkeit beim Kiez-Club. Nur ein paar verbale Ironien erinnern an die Streitigkeiten der letzten Wochen. Das Trio Demuth/Gerber/Beutel ergänzt sich bestens. Ernsthaft verstimmt wirkt keiner der drei.

Doch der Schein trügt. Dass Manager Beutel nicht mit ins Trainingslager der Profis in die Steiermark (19.-29. Juli) reisen darf, sondern sich in Zukunft ausschließlich administrativen Aufgaben widmen soll, gilt im Aufsichtsrat und Präsidium als beschlossen.

Beutel wird sich schwer damit abfinden, zumal er und Demuth in den vergangenen Jahren als eingespieltes Duo galten. Nun soll er diese Rolle an Gerber abtreten, die Nähe zur Mannschaft aufgeben. Der Manager wird sich darüber aufregen - aber nicht öffentlich. Die Verantwortlichen des Kiez-Clubs haben sich einen Maulkorb verpasst. Zum Wohle des Vereins . . . Ob das noch Sinn macht, ist fraglich. Zu viele Internas wurden schon öffentlich diskutiert, zu viele Details sorgten für den größten Imageschaden seit der Trennung von Ex-Präsident Heinz Weisener.

Dabei wurde das verworrene Konstrukt der Vorwürfe und Intrigen noch längst nicht komplett aufgedeckt. Nicht nur Insider wissen: Die aktuelle Zurückhaltung der Beteiligten ist nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm. So sieht es auch Holger Scharf, der Vorsitzende der Abteilung Fördernde Mitglieder (AFM). Der ehemalige Aufsichtsrat, dessen Abteilung 3100 Mitglieder umfasst, wertet die internen Differenzen und Diskussionen als vereinspolitische Störfeuer. "Einige Funktionäre sind sich der Bedeutung ihrer Posten offenbar nicht im Klaren", so Scharf. Seine Kritik richtet sich speziell gegen die Aufsichtsräte Peter Benckendorff und Peter Paulick, hinter deren Zusammenspiel mit Präsident Reenald Koch er taktische Absichten gegen Demuth und Beutel vermutet. "Wenn hier einige versuchen, auf Kosten anderer den FC St. Pauli niederzumachen, dann werden wir dagegen angehen." Vor allem das Vorgehen des Paulick-Clans beobachte er sehr skeptisch, so Scharf. "Wir stehen weiter hinter Beutel. Wir wollen nicht zulassen, dass der Verein wieder in die Zeiten zurückfällt, in denen er als Chaos-Club galt."

Den chaotischen Werdegang noch zu stoppen, scheint momentan kaum möglich. Zwar haben die Betroffenen die schwierige Einstandsphase Gerbers mittlerweile überstanden, das Kapitel Volker Ippig (der Torwarttrainer, mit dem Demuth nicht mehr zusammenarbeiten will, wird heute vom Aufsichtsrat
angehört) ist kurzzeitig geschlossen, und auch die Aufregung nach dem vom Aufsichtsrat abgelehnten Vertrag für den Nigerianer Abdul Iyodo hat sich gelegt. Aber auch in diesem Fall scheint erst das Vorspiel eines weitaus heikleren Falls abgelaufen zu sein.

Was kaum einer weiß, weil es als Thema mit strenger Geheimhaltung gehandelt
wird: Vereinsintern gibt es weitaus härtere Vorwürfe als formelle Fehler, Fehleinkäufe oder mangelhaften Umgang mit Angestellten. Und wieder einmal ist der Brasilianer Marcão betroffen: Gerüchte besagen, dass bei dem Transfer des Stürmers im vergangenen Jahr Verantwortliche des FC St. Pauli mitverdient haben sollen. Ließe sich das beweisen, käme es einem der größten Skandale in der Geschichte des Clubs und des Profifußballs gleich. Äußern will sich zu diesem Thema verständlicherweise (noch) niemand, aber allein die Tatsache, dass von interessierten Kreisen ernsthafte Nachforschungen vorgenommen werden, verdeutlicht das Hauen und Stechen hinter den Kulissen. Als durchaus "vorstellbar" bezeichnen selbst treueste St.-Pauli-Anhänger derlei Spekulationen. Schließlich gibt es am Millerntor sogar Angestellte, die von Spielerverkäufen finanziell profitieren - persönlich, und zwar völlig legal, weil vertraglich fixiert.

Volker Ippig beispielsweise erhielte einen prozentualen Anteil der Ablösesumme, falls einer der Torhüter, die sich durch sein Training positiv entwickelt haben, gewinnbringend transferiert werden sollte. Auch Franz Geber ist beteiligt, wenn eines der Talente, die er zum Club bringt, den FC St. Pauli für eine höhere Ablöse verlassen sollte. Im Präsidium des Kiezclubs werden solche Kontrakte mit Torwarttrainer oder Sportdirektor als "leistungsbezogen" bezeichnet, in Fan-Kreisen und in anderen Gremien des Vereins gelten sie als "moralisch nicht einwandfrei". So erscheint Ippigs ehemaliger Rat an Torwart Simon Henzler, trotz des Abstiegs möglichst in der Ersten Liga zu bleiben, angesichts einer Ablösebeteiligung des Torwarttrainers nun in einem ganz anderen Licht.

Präsident Koch wird, so erwarten es Aufsichtsräte und die Club-Angestellten, nach der Rückkehr aus seinem Familienurlaub ein Machtwort sprechen. Sein primäres Interesse dürfte nun auf interne Ruhe abzielen, um seine weiteren Stabilisierungsmaßnahmen (vor allem den Stadionbau) nicht noch stärker zu gefährden. Koch gestern zum Abendblatt: "Ich verlange, dass persönliche Eitelkeiten zurückgestellt werden. Und ich erwarte, dass hier nur zum Wohle des Vereins gearbeitet wird." Vor allem Kochs taktisches Vorgehen wird in den nächsten Wochen extreme Bedeutung haben. Einen Eklat mit der kritischen AFM kann sich der Präsident nicht leisten, zumal er bei seinen Ausgliederungsplänen auf die Zustimmung der Mitglieder angewiesen ist. Schon im Oktober, wenn der Aufsichtsrat neu gewählt wird, könnte sich die Führungsriege des FC St. Pauli komplett neu zusammensetzen. Koch steht vor einer weiteren, seiner größten Bewährungsprobe.

Das nächste Possenspiel ist übrigens auch schon terminiert. Am Donnerstag um 10.45 Uhr wird in Saal 315 des Arbeitsgerichtes Hamburg Volker Ippigs Antrag auf eine einstweilige Verfügung gegen den FC St. Pauli verhandelt. Idyllisch wird es da bestimmt nicht zugehen.

Vertragsinhalte sorgen für Diskussionen: Ippig und Gerber können bei Spielerverkäufen mitverdienen.

"Wir wollen nicht zulassen, dass St. Pauli wieder in Chaosclub-Zeiten zurückfällt." Holger Scharf, Vorsitzender der AFM

Von Jan Haarmeyer, Dieter Matz, Christian Pletz


Hamburger Abendblatt, 15.07.02
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