| Drei Buhmänner
und ein Lichtblick
Henzler, Gibbs und Marcao in der Kritik, nur Inceman
überzeugend.
Henzler
Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Da kam mir das Training
am Morgen ganz gelegen, sagte Simon Henzler. Ausgerechnet er,
der nach seiner Ernennung zur Nummer Eins im St. Pauli-Tor so souverän
gehalten hatte, griff in Köln fürchterlich daneben, ließ
einen harmlosen Lottner-Freistoß durch die Finger flutschen. Seine
Erklärung: Ich hatte zwei Gedanken im Kopf. Fangen oder Fausten
und schon war er drin. Das Ding geht ganz klar auf meine Kappe.
Ich werde einige Tage brauchen, um das zu verarbeiten. Demuth:
Bei ihm tut mir das besonders weh. Er hat zwar danach bei einigen
Szenen wieder gut ausgesehen, aber den Spielverlauf natürlich beeinflusst.
Gibbs
Nicht ganz so kurios wie Piplica, aber fast. Welcher Teufel hat Cory
Gibbs denn da geritten? Die 80. Minute: Racanel setzt sich auf der linken
Seite durch, passt zurück auf Marcao, der den freistehenden Kolinger
sieht. Dessen Geschoss klärt Rigobert Song für den geschlagenen
Markus Pröll auf der Linie. Den Abpraller muss Gibbs nur noch ins
leere Tor drücken. Stattdessen schießt der Ami den schon
am Boden liegenden Song noch mal an. Unfassbar. Sträflich. Das
schaffen nur wenige. Song wollte doch gar nicht mehr abwehren, der hat
sich nur in Deckung geworfen, motzte Demuth. Eine Szene, die Cory
Gibbs wohl bis ans Ende seiner Karriere verfolgen wird.
Marcao
Er muss ja gar nicht wie verrückt über den Platz laufen. Wenn
er bloß die Tore machen würde. Mal wieder gerät auch
Marcao in die Kritik. Nur Thomas Meggle und Nico Patschinski standen
kurz vor Schluss noch freier als der Brasilianer selbst. Aber der dachte
nicht ans Abspielen und fiel seinem Eigensinn zum Opfer. Überlupfen
wollte er den herausstürzenden Pröll. Schaffte er auch, aber
der Ball landete nicht im Tor, sondern irgendwo auf der Baustelle dahinter.
Im Gegenzug gelang Köln der Sieg, den Marcao Sekunden davor vergeben
hatte. Leider kann ich das nicht rückgängig machen,
bedauerte er gestern. Aber hoffentlich macht er es das nächste
Mal besser.
Inceman
Für mich selbst läuft es jetzt ganz gut. Aber was nützt
mir das, wenn es für die Mannschaft schlecht aussieht? Überhaupt
nichts. Ugur Inceman hat noch Vertrag bis 2005, wird mit dem FC St.
Pauli auch in die Zweite Liga gehen. Gegen Köln erzielte der Millionen-Einkauf
sein erstes Tor für den Kiez-Klub, wusste im Müngersdorfer
Stadion als einer der wenigen zu überzeugen. Es war bestimmt
kein Zufall, dass er getroffen hat, vermutet Demuth. Inceman ist
auf dem richtigen Weg. Und der führt ihn ausgerechnet in der Woche
vorm Derby zum U 21-Länderspiel in die Türkei. Mittwoch kickt
Ugur gegen Tschechien, kommt erst Donnerstag zurück. Nicht gerade
die beste Vorbereitung.
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Das zerrissene Herz von St. Pauli
"Meggle wird sterblich bleiben, ein paar ehrliche
Tränen vergießen und weiterziehen. Dorthin, wo vielleicht
nicht das Glück, dafür aber viel Geld ist", schreibt
die Süddeutsche Zeitung. Aber wird Thomas Meggle wirklich weiterziehen?
Wird er das Angebot des HSV, dessen Trainer Kurt Jara gestern noch mal
ausdrücklich sein Interesse an dem 27-Jährigen bestätigte,
wirklich annehmen? "Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich weiß
nicht, was ich machen soll", sagt er - ohne dabei zu lügen.
Sein Herz ist zerrissen.
Wenn Thomas Meggle in einen Yachthafen käme,
er würde sich von dem kleinen Fischerboot ganz am Ende des Kais
angezogen fühlen. Mit einem zufriedenen Schmunzeln würde er
zwischen den pompösen Booten herumschippern, stolz auf seinen alten
Kahn. In Hamburg kreuzt er in einem klapprigen Polo die Straßen.
Seine Mannschaftskollegen haben weniger Tore geschossen, fahren aber
teurere Autos. So eines könnte sich auch Thomas Meggle leisten,
aber er ist mit seinem zufrieden, es erfüllt den Zweck. Seine Couch
ist von Schulenburg, seine Kleidung aus zweiter Hand. Darauf und darin
fühlt er sich nun mal wohlsten. Das Geld spielt nicht die Hauptrolle
in seinem Leben. Es wird letztlich nicht den Ausschlag geben, wenn der
Münchner den FC St. Pauli nach der Saison verlassen sollte. Auch
in der Vergangenheit schlug er lukrativere Angebot aus. "Die Söldnermentalität
liegt mir fern."
Aber geht es Thomas Meggle alleine um die sportliche
Herausforderung? Nur zum Teil. Natürlich möchte er weiter
in der Bundesliga spielen. Er hat Geschmack daran gefunden, einen Jens
Lehmann, einen Jörg Butt zu überwinden. Es törnt ihn
an, wenn ein Oliver Kahn sich vergeblich nach seinem Geschoss reckt.
Tore gegen Reutlingen oder LR Ahlen findet er nur halb so schön.
Aber alles entscheidend ist für Thomas Meggle
das Umfeld. Nicht nur die Stadt, seine Freunde. Die könnte er bei
einem Wechsel zum HSV ja behalten. Es ist auch die Wertschätzung
des Vereins, die Anerkennung der Fans. Oft hatte er den Eindruck, die
Anhänger des Kiez-Klubs würden ihn aufgrund seiner Leistung
zwar akzeptieren, nicht aber verehren. Jetzt weiß er, dass es
nicht so ist. Nie zuvor kämpfte das Publikum am Millerntor so um
einen seiner "Lieblinge". Das Herz von Thomas Meggle wurde
dadurch noch weiter zerissen.
Er wird niemals weiterziehen, dorthin, wo vielleicht
nicht das Glück, dafür aber viel Geld ist. Wenn er geht, dann
nur in der Überzeugung ein neues Glück zu finden. Aber soweit
ist es noch lange nicht.
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Fans machen mobil - Der Kampf um Meggle
"Geht Meggle, verlässt mich meine Freundin
- dann sind St. Pauli und ich wieder ganz alleine." Das Horrorszenario
eines Fans. Zum Ausdruck gebracht auf einem Spruchband. Schlimmer könnte
es für ihn nur kommen, wenn Thomas Meggle die Freundin auch noch
mitnimmt. Aber wohin? Der torgefährliche Regisseur sitzt zwischen
allen Stühlen. Bis zum 30. April hat Meggle die Möglichkeit,
von seiner Ausstiegsklausel Gebrauch zu machen. Eine Entscheidung für
oder gegen den FC St. Pauli hat er noch nicht getroffen. Sollte der
Kiez-Klub an der Hürde Klassenerhalt hängenbleiben und zurück
in die Zweite Liga stolpern, wird der 27-Jährige den Verein wahrscheinlich
verlassen. Aber kann er die Entwicklung abwarten? Was ist, wenn es am
4. Mai zu einem "Endspiel" gegen den 1. FC Nürnberg kommt?
Meggles Entscheidungsfrist ist zu diesem Zeitpunkt bereits abgelaufen.
Fragen über Fragen. Die nächste ist, ob es überhaupt
konkrete Angebote für den gebürtigen Münchner gibt? Sein
Berater Fritz Bischoff verweigert sich dagegen, Wasserstandsmeldungen
abzugeben. Am Wochenende hielt sich Bischoff in Spanien auf, wird heute
oder morgen nach Italien weiter reisen. "Auch in Sachen Thomas
Meggle", wie er bestätigt. Der hatte ja schon häufiger
mit einem Wechsel ins Ausland geliebäugelt. Ist sich aber auch
darüber klar, dann wieder bei Nullkommanull beginnen zu müssen.
In Hamburg und in der Bundesliga hat sich Thomas Meggle mittlerweile
einen Namen gemacht.
"Auch bei uns ist er noch im Gespräch",
vermeldete HSV-Trainer Kurt Jara gestern. Genau wie bei Hansa Rostock
und dem designierten Aufsteiger Hannover 96. Aber ganz St. Pauli kämpft
um "den knackigsten Arsch der Liga" (Fan-Plakt). Die Fans
starteten im Rahmen des Stuttgart-Spiels eine beeindruckende Pro-Meggle-Kampagne,
nannten ihm 1000 gute Gründe für seinen Verbleib am Millerntor.
Ende der Woche trifft sich Manager Stephan Beutel mit Bischoff, um ein
neues Vertragsangebot für Meggle vorzulegen.
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