Presse
Offener Brief von Thomas Meggle an die Fans des FC St. Pauli

Liebe Fans,

mit schwerem Herzen habe ich jetzt eine Entscheidung getroffen. Ich werde den Verein und Euch zum 30.06. gen Rostock verlassen.

Mir ist es nicht leicht gefallen, vom FC St. Pauli und seinen Fans weg zu gehen. Letztlich habe ich mich nach langen Gesprächen mit Hansa-Trainer Armin Veh, den ich seit meiner Jugend beim FC Augsburg nunmehr seit zehn Jahren kenne, für diesen Wechsel entschieden. Ausschlaggebend dafür ist die sportliche Perspektive, nächstes Jahr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der 1. Bundesliga spielen zu können.

Beim FC St. Pauli liegen meine sportlichen Wurzeln, meine größten sportlichen Erfolge habe ich am Millerntor gefeiert.

Ich könnte viele Ereignisse aufführen, die mich emotional berührt haben. Da war zum einen mein Elfmeter gegen Kaiserslautern, wo das ganze Stadion „You`ll never walk alone“ gesungen hat, als ich mir den Ball zurecht gelegt habe. Zum anderen werde ich den Aufstieg und die Szenen rund um meinen größten sportlichen Erfolg nie vergessen.

Besonders bedanken möchte ich mich aber bei Euch für die „1000 guten Gründe“, die Ihr mir beim Spiel gegen Stuttgart überreicht habt und die mir gezeigt haben, warum ich immer gerne und mit ganzem Herzen für den FC St. Pauli und für Euch gespielt habe.

Ich war insgesamt fünf Jahre ein Teil dieses Vereins und werde das auch immer bleiben.

Thomas Meggle


FC St. Pauli Pressestelle, 23.04.02


Weitere Aussichten: schlecht

St. Pauli fürchtet nach dem Abstieg das Beispiel Unterhaching

Hamburg – Man kennt das ja von den Todesanzeigen, wo aus Quälgeistern plötzlich liebenswerte Menschen werden oder aus Taugenichtsen geschätzte Weggefährten. So ähnlich ergeht es jetzt dem FC St. Pauli, der nach dem 0:4 im Hamburger Derby gegen den HSV endgültig Abschied nehmen muss von der Ersten Liga. „Traurig“ stimmte dies Bernd Wehmeyer, den Teammanager des noblen Nachbarn. „Solche Stimmung“, sagte HSV-Sportchef Holger Hieronymus wehmütig, „bekommt man nur beim Derby gegen St. Pauli.“ HSV-Stürmer Erik Meijer bekannte sogar „Mitleid“ und beschwor die Romantik des Fußballs: „54 000 singen ,You’ll never walk alone’ – mehr brauchst du nicht.“ Ja, beim Hamburger SV wird man sie vermissen, die widerborstige, schmuddelige Opposition vom Millerntor – nicht nur, weil man mit zwei Siegen seine Saisonbilanz und das Ego ein wenig aufmotzen konnte. Auch der ansonsten auf cooles Showbiz getrimmten Liga wird etwas fehlen ohne Totenkopf-Flaggen, handbetriebene Anzeigetafel und Profis, die mit den Fans ihr Bier trinken.

Wie aber geht es weiter mit St. Pauli? Darf man auf ein baldiges fünftes Bundesliga-Gastspiel der Außenseiter vom Hamburger Kiez hoffen, die über mehr Charme als Geld verfügen? So richtig gut sind die weiteren Aussichten nicht. Präsident Reenald Koch hat angekündigt, was Vorrang hat: „Unser Stadionprojekt geht vor Investitionen in die Mannschaft.“ Nur mit einem erneuerten Millerntor könne St. Pauli sich im Profifußball halten. Fest steht, dass der Kader reduziert und vor allem durch eigenen Nachwuchs ergänzt wird. Trainer Dietmar Demuth sagt sorgenvoll: „Wir müssen höllisch aufpassen, dass es uns nicht ergeht wie Unterhaching.“ Der Bundesliga-Absteiger aus der Münchner Diaspora wollte auch sofort zurück ins Oberhaus und findet sich wohl, wie zuvor der SSV Ulm, bald in der Regionalliga wieder. Zudem endet die Schonzeit für Demuth. Interne Kritiker haben taktische Fehler des Trainers und personelle Missgriffe wie Marcao oder Cenci genau registriert.

Ein paar Spieler wird St. Pauli, wie es aussieht, schmerzlich vermissen: Den im Stadtteil aufgewachsenen zweikampfstarken Zlatan Bajramovic, der zum möglichen Mitabsteiger SC Freiburg wechselt; Stürmer Marcel Rath (Ehrentitel „Kampfschwein“), den es zurück nach Cottbus zieht; vielleicht auch Nico Patschinski (Rostock?). Und natürlich Thomas Meggle, den traurigen Anti- Helden des Derbys, der bis zum 30. April entscheiden muss, ob er ein lukratives Angebot aus der 1. Liga (unter anderen vom HSV) annimmt. Vor dem Spiel hatte er gegen den möglichen neuen Arbeitgeber gestichelt („Wir werden sie in der ganzen Stadt lächerlich machen“), was womöglich nicht sehr klug war, aber seine tiefe Verbundenheit mit dem kleinen Klub dokumentieren sollte; anschließend war er mit einem Elfmeter am überragenden HSV-Keeper Martin Pieckenhagen gescheitert und hatte damit die 1:0-Führung verpasst. Und hinterher sprach er mit stockender Stimme über eigene „Schuldgefühle“ und „Scham“ und entschuldigte sich „bei allen St. Paulianern“ für den Fehlschuss. Es sind - trotz aller Schwächen - solche Spieler, die der Klub brauchte, um mit dem nötigen Herzblut einen neuen Anlauf zu nehmen.

Weniger wird man dagegen am Millerntor den künftigen HSV-Profi Christian Rahn vermissen. Der U21-Nationalspieler hob zwar das spielerische Niveau, verkörpert aber jenen Typ Jungprofi, dem Gefühle eher suspekt sind. Kühl sagte er nach dem Derby, man habe „gesehen, dass St. Pauli in der 1. Liga nichts zu suchen hat“. Das ist natürlich die sportliche Wahrheit. Aber St. Pauli wäre nicht St. Pauli, hätten die Fans nicht längst einen neuen Schlager der Hoffnung: „Eine neue Liga ist wie ein neues Leben.“


Jörg Marwedel, Süddeutsche Zeitung, 23.04.02


Unsterblich in Braunweiß

St. Paulis Fans versuchen alles, um Thomas Meggle zu halten

Manchmal demonstriert der Fußballprofi Thomas Meggle, 27, seine Verbundenheit mit dem FC St. Pauli, indem er einen Pullover trägt, der so schaurig-schön braun ist wie die Vereinsfarbe. Oft plaudert er mit den Fans so vertraut, als seien es alte Kumpels aus dem heimatlichen Starnberg, weshalb sie ihn einen „feinen Kerl“ nennen; manchmal kämpft er sogar mit den Tränen, weil ihn die Liebe der Menschen am Millerntor so sehr rührt. Wie vor dem Spiel gegen Freiburg, an dem er wegen seiner Rotsperre nicht teilnehmen durfte und die Fans, als der Stadionsprecher die Aufstellung durchgab, elfmal den Namen Meggle riefen.

So viel Gefühl bei einem Profi hat bei den Fans eine Hoffnung geweckt, die eigentlich nicht in diese Zeit passt. Die sentimentale Hoffnung, hier könne ein Spieler der Söldnergeneration die Gesetze des Fußballmarktes ignorieren, seine weitere Karriere nicht von der einzig gültigen Währung, dem Geld, bestimmen lassen und deshalb auch bei einem Abstieg bleiben. Am morgigen Samstag, vor dem Heimspiel gegen den VfB Stuttgart, werden sie den „besten Mittelfeldspieler, der in den letzten Jahren unseren Rasen betreten hat“ (Fan Marcus) deshalb ein weiteres Mal in seelische Turbulenzen treiben. Dann wollen ihm die Initiatoren der Aktion „pro meggle – ohne meggle stirbt das mittelfeld“ E-Mails, Briefe und andere Botschaften mit „1000 guten Gründen“ überreichen, die ihn davon überzeugen sollen, dass es sich lohnt, trotz anderer, viel lukrativerer Angebote der Erstligakonkurrenz, „bei unserem kleinen, kämpferischen Verein zu bleiben und mit uns für ein anderes Verständnis von Fußball zu kämpfen“.

Einer wird ihm „eine Freifahrt auf meiner Harley“ offerieren, ein anderer will für die Dauer eines neuen Vertrages die „monatlichen Essensmarken meines Arbeitgebers brüderlich mit Dir teilen, damit Du auch zukünftig wenigstens zweimal am Tach warm essen kannst“. Dazu fehlt – in Anspielung auf das schon jetzt legendäre 2:1 gegen den großen FC Bayern – nicht der Hinweis, dass „der Mensch mehr als Weltpokalsieger-Besieger unmöglich werden kann“ und die eindringliche Mahnung: „Unsterblich wirst Du nur bei uns in Braunweiß.“ Und falls sich Meggle für die Unsterblichkeit entscheiden sollte, verheißt ihm ein weiterer Romantiker, könne er sich umgehend „bei den St. Pauli- Fußballgöttern“ wie „Thomforde, Otti, Zander, Stani, Frosch, Dzur, Miller, Demuth, Manzi oder Trulsen einreihen“. Manche haben sich auch Slogans ausgedacht, etwa „St. Pauli ohne Meggle ist wie Steak ohne Kräuterbutter“. Und wieder andere möchten ihn mit „I-love-Meggi-Fotos“ becircen.

Das alles klingt außerordentlich verlockend. Das Problem ist nur, dass der Profi in Thomas Meggle in etwa so stark ist wie der Mensch und deshalb eine Klausel im Vertrag ausgehandelt hat, nach der er diesen bis zum 30. April vorzeitig kündigen und im Sommer für eine festgeschriebene Ablöse von 475 000 Euro gehen kann. Zu befürchten ist also, dass das moderne Märchen vom Millerntor mit dem Titel „Geld oder Liebe“ doch (fast) so traurig ausgeht wie eine ganz banale Geschichte: Meggle wird sterblich bleiben, ein paar ehrliche Tränen vergießen und weiterziehen. Dorthin, wo vielleicht nicht das Glück, dafür aber viel Geld ist.


Süddeutsche Zeitung, April 02



Heimspiele sind sexy


Hormon macht die Kicker bärenstark

London - Sieg oder Niederlageim Fussball - es ist nicht mehr nur eine Frage von Taktik oder Aufstellung, sondern der Testosteron-Konzentration. Klingt komisch, ist aber wissenschaftlich erwiesen: Der Heimvorteil bei Fussballspielen geht auf dieses Hormon zurück, das die Kicker ihr eigenes Terrritorium verteidigen lässt. " Wie Tiere, die ihr heimatliches Revier bewachen und beschützen, sind Fussballer Energie geladener, aktiver und selbstsicherer, wenn sie von auswärtigen Gruppen bedroht werden", sagt der Evolutionspsychologe Nick Neave von der Universität Newcastle.
Er nahm Speichelproben von Kickern uns stellte fest, dass die Konzentration des männlichen Sexualhormons vor Heimspielen deutlich höher war als vor Partien in der Fremde. Der normale Testosteron-Gehalt liegt bei 100 Picogramm pro Milliliter. eine Stunde vor Beginn eines Heimspiels stieg er durchschnittlich auf 150 an, vor Auswärtsspielen nur auf 120. Dies erklärt auch, warum etwa Manchester United in der letzten Saison 63 Prozent seiner Soiege zu Hause erzielt habe.


Mopo, April 02
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